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Blue Babies auf der Parkbank

von 31. März 2019 April 5th, 2019 Keine Kommentare

Neulich ließ ich mir im Park ein wenig die Sonne ins Gesicht scheinen. Es gesellte sich ein Pärchen zu mir, oder jedenfalls hielt ich sie dafür. Aber die beiden waren gerade erst dabei, sich kennen zu lernen. Sie hatten sich also viel zu erzählen. Er berichtete von missratenen Liebesbeziehungen. Seine letzte, die wegen eines verlorenen Kindes scheiterte. Oder vielmehr wegen der Sprachlosigkeit darüber. ER hatte SIE aus Rücksichtnahme nicht darauf angesprochen, sie fühlte sich alleine gelassen. Finito. Aber im Grunde scheiterten ja alle Beziehungen. Die Frau neben mir wurde unruhig. In seinem Freundeskreis gebe es nicht eine NORMALE Beziehung. Alle seien irgendwie durchgeknallt. Und zum Scheitern verurteilt. Meine Banknachbarin stellte zaghaft Fragen, wurde immer ungläubiger. Wie zum Beispiel die von einem Freund, der immer wieder die gleiche Sorte Frau anziehe: Die letzte hätte ihm nach einem halben Jahr erst erzählt, dass sie ihr Geld mit erotischen Massagen verdiene. Nach so langer Zeit! (Man könnte auch sagen, nach so langer Zeit Sprachlosigkeit. Was dachte er denn, was sie tut?) Dann tischte er noch weitere Beziehungen auf, die schlecht laufen. Natürlich versucht man, NICHT zuzuhören, wenn fremde Menschen neben einem solche Dinge besprechen. Aber da hatte er mich längst an der Angel. Wäre ich Kurzgeschichtenautorin, hätte ich die Storys für einen ganzen Band beisammen gehabt. Einen Lichtblick gebe es aber doch: Die Beziehung eines Freundes, der mit seiner Freundin echt Glück gehabt habe. Die sei normal. Ich begann, für die Frau neben mir wieder Hoffnung zu schöpfen. Außer, naja, besagte Freundin habe ein acht- oder neunjähriges Kind, das laufe irgendwie nicht ganz rund. Bei der Geburt habe das Mädchen die Nabelschnur um den Hals gehabt, das habe die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn unterbrochen. Das Ergebnis sei, dass sie in allem sehr langsam sei, man müsse ihr alles fünf Mal erklären. Irgendwie behindert. Ich glaube, in dem Moment ist die Frau ganz ausgestiegen. Dafür fing ich an, auf meinem Hintern unruhig hin und her zu rutschen. Ich hätte mich so gerne eingemischt und ihm nun meinerseits eine Geschichte erzählt. Nicht über zarte Liebesbande und wie Mann und Frau eine gemeinsame Sprache finden können, da war Hopfen und Malz verloren. Ich hätte gerne die Wahnsinns-Geschichte eines behinderten Jungen erzählt, der genauso auf die Welt gekommen war: Als blue baby. Von der Nabelschnur stranguliert. Zehn Jahre lang in einem Körper und einem Geist gefangen, der sich nicht richtig ausdrücken konnte. Und der dann durch EINE Gabe des homöopathischen Mittels Cuprum C 30 eine unglaubliche Wandlung erfuhr. Am Tag darauf ging er morgens zu seiner Mutter (dazu war er vorher nicht in der Lage), weckte sie und sagte (dazu wäre er auch nicht in der Lage gewesen): „Mama, ich glaube ich bin wieder gesund“. Eine der vielen unglaublichen Fallgeschichten, die ich in meiner Ausbildung gehört habe und die mich zutiefst berührt und in die Arme dieser alchemistischen Homöopathie getrieben haben. Für dieses Mal auf der Parkbank blieb ich aber sprachlos. Denn natürlich wäre alles andere übergriffig gewesen. Auch wenn ich mich frage, was man für dieses kranke Mädchen eventuell hätte tun können. Und für die Liebesbeziehung ihrer Mutter. Damit auch die NORMAL werden kann.

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